Klima-Briefing vom 24.05.2026

 Das Eis spricht. Wer zuhört, hört eine Kaskade.


Drei Meldungen aus dieser Woche bilden zusammen eine Erzählung, die kein einzelnes Medium so zusammengebracht hat. Sie kommen aus verschiedenen Disziplinen, aus verschiedenen Weltregionen, aus verschiedenen Redaktionen - und sie zeigen dasselbe: Das Erdsystem verliert seine Puffer schneller, als die Modelle vorhergesagt haben. Jede dieser Meldungen wäre für sich schon beunruhigend. Zusammen beschreiben sie den Beginn einer selbstverstärkenden Sequenz.


Beginnen wir beim Ozean. Das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) hat in seinem Mai-Update eine Zahl veröffentlicht, die in der Geschichte der Klimatologie ohne Parallele ist: 100 Prozent Modellkonsens für einen Super-El-Niño bis Oktober 2026 [1]. Die Pazifik-Oberfläche könnte um bis zu 2,7 Grad Celsius über das langjährige Mittel steigen - ein Niveau, das zuletzt 1877 dokumentiert wurde. Was das bedeutet, ist physikalisch präzise: El Niño verschiebt Niederschlagsmuster, verstärkt Dürren auf einer Hemisphäre während er auf der anderen Seite Überschwemmungen auslöst, treibt globale Mitteltemperaturen auf neue Rekorde und verlängert Waldbrandsaisons auf mehreren Kontinenten gleichzeitig. Entscheidend ist dabei ein Detail, das in der Berichterstattung bislang kaum auftaucht: Dieser El Niño trifft auf ein System ohne La-Niña-Puffer. Die dämpfende Gegenphase, die das ENSO-System normalerweise ausbremst, ist nicht mehr vorhanden. Das System springt direkt aus der neutralen Phase in einen möglichen Rekordwert. Conservative Bias angewendet: Die offiziellen Wahrscheinlichkeiten für ein „Super"-Ereignis sind Untergrenze, keine Mitte. Jeder neue ECMWF-Lauf hat die Prognose nach oben korrigiert.


Gleichzeitig, und weitgehend unbemerkt von der Klimaöffentlichkeit, liefert eine Studie in Nature Geoscience einen Befund, der in die Rückkopplungsdynamik des Erdsystems eingreift [2]. Unter dem nordwestlichen Grönland-Kontinentalschelf haben Forschende im Rahmen der International Ocean Discovery Program Expedition 400 Sedimentkerne gebohrt - und etwas Unerwartetes gefunden: Die Schichten, die normalerweise reich an Methanhydraten sind, waren leer. Stattdessen zeigten hochauflösende 3D-Seismikbilder weitflächige Pockmarks und Fluidaustrittstrukturen auf dem Meeresgrund. Die Schlussfolgerung: Während der letzten Enteisung hatte Schmelzwasser unter dem Eis hydraulische Gradienten erzeugt, die die Methanhydrat-Stabilitätszone von innen heraus gespült haben. Das Methan wurde schnell und in großen Mengen freigesetzt - schneller als bisherige Modelle für möglich hielten. „Als uns klar wurde, dass die Pockmarks mit dem Fehlen von Methan im Untergrund zusammenhängen, wurde die Bedeutung des Schmelzwassers schlagartig deutlich", schreibt Studienleiter Mads Huuse von der University of Manchester. Der entscheidende Satz der Studie lautet: Dieser Mechanismus könnte zu vergangenen Klimaereignissen beigetragen haben - und könnte es erneut tun, während die Eisschildränder weiter zurückweichen. In keinem aktuellen Klimamodell ist dieser Prozess vollständig erfasst. Die Grönland-Schmelze beschleunigt sich gerade in einem Jahrzehnt, in dem der Mechanismus wieder aktiv werden kann.


Und dann ist da noch die dritte Meldung - die vielleicht direkteste physikalische Demonstration dessen, was passiert, wenn ein Eissystem eine Stabilitätsschwelle überschreitet. Der Hektoria-Gletscher auf der östlichen Antarktischen Halbinsel ist zwischen Januar 2022 und März 2023 um 25 Kilometer zurückgewichen [3]. Acht dieser Kilometer verschwanden in nur zwei Monaten - ein Tempo, das zehnmal schneller ist als jeder zuvor gemessene Rückzug eines gegrundeten Gletschers weltweit. Die Analyse, von der NASA und der University of Colorado Boulder gemeinsam veröffentlicht, zeigt den Mechanismus: Der Gletscher lag auf einem sogenannten „Ice Plain", einem flachen Felsbett unterhalb des Meeresspiegels. Als das Eis durch ozeanische Erwärmung geringfügig ausdünnte, hob es sich vom Untergrund ab, begann zu schwimmen — und zerbrach dann von unten nach oben. Die Strömungsgeschwindigkeit stieg auf das Sechsfache, die Ausdünnungsrate auf das Vierzigfache. Der Kollaps war kein gradueller Prozess, sondern ein Schwellenwert-Übergang: lange scheinbar stabil, dann innerhalb von Wochen Geschichte. Das Beunruhigende ist nicht Hektoria selbst — der Gletscher ist, gemessen an der Antarktis, klein. Das Beunruhigende ist, dass dieselbe geometrische Konfiguration, die den Kollaps ermöglichte, unter einer Reihe weit größerer Gletscher identifiziert wurde. Die Studie beschreibt Hektoria explizit als Modell für mögliche zukünftige Ereignisse an Gletschern mit ähnlichem Aufbau.


Was verbindet diese drei Meldungen? Es ist das Muster, das im gewöhnlichen Klimajournalismus unsichtbar bleibt. Ein stärker werdender El Niño erwärmt die Ozeane zusätzlich - und warme Ozeane beschleunigen die Destabilisierung von Gletschern und Meeressedimenten. Destabilisierte Methanhydrate setzen ein Gas frei, das auf 20-Jahres-Skala etwa 80-mal klimawirksamer ist als CO₂. Mehr Methan treibt die Grundtemperatur weiter an - was den nächsten El-Niño-Zyklus von einer noch höheren Basislinie aus starten lässt. Und der nächste kollabierte Gletscher, der möglicherweise weit größer ist als Hektoria, beschleunigt den Meeresspiegel in einer Weise, die in keiner offiziellen IPCC-Projektionslinie vorkommt, weil der Mechanismus bis vor kurzem als zu langsam galt. Das System, das wir geerdet glaubten, ist mobiler, als wir dachten. Es braucht keinen Kipppunkt in der Zukunft. Es ist gerade dabei, mehrere auf einmal zu durchqueren.


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[1] ECMWF / Severe Weather Europe: Super-El-Niño 2026 — 100 % Modellkonsens, Mai 2026 — https://www.severe-weather.eu/long-range-2/super-el-nino-2026-record-breaking-intensity-forecast-weather-impacts-united-states-canada-europe-fa/

[2] Wang et al., Nature Geoscience (2026): Gas hydrate dissolution triggered by subglacial groundwater flushing during deglaciation — DOI: 10.1038/s41561-026-01978-3 — https://phys.org/news/2026-05-meltwater-flushed-methane-greenland-seabed.html

[3] Ochwat et al., Nature Geoscience (2025/2026): Record grounded glacier retreat caused by an ice plain calving process — DOI: 10.1038/s41561-025-01802-4 — https://www.sciencedaily.com/releases/2026/05/260518041417.htm











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