Das Schweigen der Wälder

Die Wälder schweigen zuerst

Weltweite Flora-Veränderungen und Waldsterben: Ein Lagebericht

von Miscatonic - Juni 2026


Einleitung

Es gibt einen Moment in der Ökologie, in dem ein System aufhört, auf Stress zu reagieren - und anfängt, sich in etwas anderes zu verwandeln. Biologen nennen das einen Regime Shift: einen dauerhaften, oft irreversiblen Zustandswechsel, nach dem kein Weg zurück führt. Nicht weil die alten Bedingungen sich nicht wiederherstellen ließen, sondern weil das System selbst ein anderes geworden ist.

Wir befinden uns in einer Phase, in der solche Regime Shifts nicht mehr Ausnahmen sind. Sie häufen sich. Gleichzeitig. Auf allen Kontinenten. In tropischen Regenwäldern und alpinen Graslandschaften, in mediterranen Eichenwäldern und kanadischen borealen Zonen. Was lange wie eine Summe von Einzelmeldungen wirkte - Waldbrände hier, Trockenheit dort, eine Baumart, die ausfällt - ist tatsächlich eine strukturelle globale Transformation der pflanzlichen Biosphäre.

Das Verwirrende daran: Diese Transformation sieht von außen oft unspektakulär aus. Baumkronen, die sich lichten. Arten, die hundert Meter höher klettern. Wälder, die etwas langsamer wachsen, als sie sollten. Keine Apokalypse mit Datum - sondern eine schleichende Neukonfiguration der Lebensgrundlagen. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Dieser Bericht tut es - Region für Region, Skala für Skala, Quelle für Quelle.


Inhaltsverzeichnis

  1. Globaler Befund vorab: Das Anpassungsversagen
  2. Südamerika: Amazonas zwischen Fortschritt und Kipppunkt
    • 2.1 Makro: Amazonas - Kipppunkt mit Paradoxon
    • 2.2 Mikro: Mesoamerikanische Wolkenwälder - Artenwanderung dokumentiert
  3. Europa: Waldsterben 2.0 - diesmal die Laubbäume
    • 3.1 Makro: Deutschland - die Eiche als neuer Sorgenträger
    • 3.2 Mikro: Baden-Württemberg - Buchensterben als Fallstudie
    • 3.3 Mikro: Italiens mediterrane Wälder - Steineichen sterben flächig
    • 3.4 Mikro: Spanien - Doñana und die verschwindende Primavera
    • 3.5 Makro/Mikro: Alpen - die Flora klettert nach oben
  4. Nordamerika: Boreale Wälder unter Dauerstress
  5. Asien/Pazifik: Indonesien - die Entwaldungs-Explosion
    • 5.1 Makro: +66% Entwaldung 2025
    • 5.2 Mikro: Borneo - Biomasseverlust in Tieflandwäldern
  6. Afrika: Kongobecken und Mangroven unter Druck
    • 6.1 Makro: Kongobecken - Primärwaldverlust ohne Ende
    • 6.2 Makro: Mangroven weltweit - 21,6% Verlust in 35 Jahren
  7. Zusammenfassung: Was hier wirklich passiert
  8. Regime-Shift-Indikatoren: Übersicht nach Schweregrad
  9. Primärquellen

1. Globaler Befund vorab: Das Anpassungsversagen

Bevor die Regionen einzeln analysiert werden, ein übergeordnetes Alarmsignal: Eine im März 2025 in Science publizierte Megastudie (Aguirre-Gutiérrez et al., Universität Oxford, über 100 Wissenschaftler:innen) zeigt: Tropische Wälder in Amerika entwickeln sich zehnmal langsamer, als sie müssten, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten. Die Studie weist auf eine signifikante Diskrepanz hin, bei der Wälder ihre Artenzusammensetzung und funktionalen Merkmale nicht schnell genug anpassen, um die rasanten Klimaveränderungen zu verfolgen. Konkret: Die funktionalen Merkmale zeigen insgesamt Verschiebungen von weniger als 8% von dem, was angesichts der beobachteten Klimaveränderungen zu erwarten wäre. Bei Jungbeständen liegt die Anpassungsrate bei etwa 21%.

Das bedeutet: Überlebenspopulationen passen sich mit weniger als 8% der erwarteten Rate an. Das ist kein gradueller Wandel - das ist ein strukturelles Versagen der Ökosystem-Anpassung.


2. Südamerika: Amazonas zwischen Fortschritt und Kipppunkt

2.1 Makro: Amazonas - Kipppunkt mit Paradoxon

Der Amazonas zeigt die härteste globale Regime-Shift-Konstellation: politische Fortschritte beim Entwaldungsstopp, während die strukturelle Kipppunkt-Gefahr steigt.

Entwaldung (Zahlen): Die entwaldete Fläche in der Amazonas-Region betrug von August 2024 bis Juli 2025 insgesamt 5.796 km² - ein Rückgang von 11,08% gegenüber dem Vorjahr. Dies ist die drittkleinste Rate der historischen Messreihe seit 1988 und das dritte Jahr in Folge mit Rückgang seit Beginn der Lula-Regierung, mit einem kumulierten Rückgang von 50% gegenüber 2022.

Aber: - der Brand-Faktor: Von August 2024 bis Juni 2025 stiegen die durch Brände ausgelösten Entwaldungsalarme um 245,7% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Feuer verschiebt sich von menschlicher Abholzung zur strukturellen Schwächung des Waldes durch den Klimawandel - das ist der eigentliche Regime-Shift-Indikator.

Kipppunkt-Wissenschaft: Selbst ein temporäres Überschreiten von 1,5°C globaler Erwärmung würde laut einer neuen Studie in Nature Climate Change ein „erhebliches" Risiko eines Amazonas-Dieback auslösen. Dieback bedeutet: Große Zahlen von Bäumen sterben ab und verwandeln den Regenwald in trockene Savanne. Eine PNAS-Studie identifiziert einen globalen Erwärmungsschwellenwert von 2,3°C, jenseits dessen sich der Waldschwund nichtlinear beschleunigt - begleitet von einem wachsenden Risiko abrupten Waldverlusts, was auf einen Rückgang der Ökosystemfunktionen und -resilienz hinweist.

Compounding-Risiken: Analysen deuten darauf hin, dass bis 2050 zwischen 10 und 47% der Amazonas-Wälder multiplen Stressfaktoren gleichzeitig ausgesetzt sein werden.

2.2 Mikro: Mesoamerikanische Wolkenwälder - Artenwanderung dokumentiert

In mesoamerikanischen Wolkenwäldern haben Klimawandel und Entwaldung gemeinsam zu einer durchschnittlichen Aufwärtsverschiebung der Artenverbreitung seit 1979 geführt - hauptsächlich bedingt durch schrumpfende untere Verbreitungsgrenzen. Arten verschwinden nicht nur nach oben - sie werden von unten herausgedrückt.


3. Europa: Waldsterben 2.0 — diesmal die Laubbäume

3.1 Makro: Deutschland - die Eiche als neuer Sorgenträger

Der aktuelle Waldzustandsbericht 2025 des Bundesministeriums ist eine nüchterne Bestandsaufnahme des anhaltenden Scheiterns: Der Kronenzustand hat sich im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Nach wie vor ist eine hohe Kronenverlichtung bei allen Arten zu verzeichnen: 35% der Bäume weisen deutliche Kronenverlichtungen auf, 44% befinden sich in der Warnstufe. Besonders betroffen sind ältere Bäume über 60 Jahre (44% mit deutlicher Kronenverlichtung).

Trotz positiver Tendenzen setzt sich der langfristige Negativtrend fort. Wesentliche Ursachen sind der Temperaturanstieg durch den Klimawandel und durch langfristige Säure- und Nährstoffeinträge versauerte Waldböden. Der Vitalitätszustand der Eiche ist besonders besorgniserregend. Das Ende der Massenvermehrung der Fichtenborkenkäfer hat sich bestätigt, dennoch ist bezüglich der verbliebenen Fichtenwälder weiterhin Wachsamkeit geboten. Im Jahr 2025 sind zudem wieder vermehrt Waldbrände ausgebrochen.

Fichte de facto ausgeschieden: Der relative Anteil der Fichte am Aufnahmekollektiv sank von 33,5 auf 17,1 Prozent. 2021 hat die Buche die Fichte als häufigste Baumart abgelöst. Die Buche war der „Hoffnungsbaum" - bis sie ebenfalls versagte.

3.2 Mikro: Baden-Württemberg / Südbaden - Buchensterben als Fallstudie

Am Schönberg bei Freiburg beschreibt Revierförster Bucher: „In Baden-Württemberg herrscht nur an wenigen Orten eine so dramatische Situation wie in Ebringen. 50 Hektar Buchenwald, zehn Prozent des Gemeindewalds, sind am Absterben." Von diesem Prozess sind vor allem die über 100 Jahre alten Buchen betroffen, die mehrere 1.000 Liter Wasser pro Tag benötigten.

Eiche unter Mehrfachstress: Bei der Eiche ist der Anteil der Bäume mit mittlerer Kronenverlichtung von 27,6% auf 29,3% gestiegen. Ein auffällig hoher Anteil von 51% weist sogar deutliche Kronenverlichtungen auf. Ursache sind Eichenfraßgesellschaften: insbesondere der Eichenprachtkäfer im Zusammenspiel mit Mehltau.

3.3 Mikro: Italiens mediterrane Wälder - Steineichen sterben flächig

Eine 2025 in der Zeitschrift Forest@ publizierte Studie (Seddaiu et al.) dokumentiert das Absterben von Steineichen (Quercus ilex) in weiten Teilen Italiens: Für Sizilien (Monte Tre Frati, Ätna), Sardinien (Ogliastra), Toskana (Riserva Monterufoli-Caselli) und Apulien (Gargano) sind Fotos des Verlustes für 2024 dokumentiert.

Die sardinische Regionalregierung hat im August 2024 ein Notfallprogramm mit 1,15 Millionen Euro für 2024/2025 beschlossen. Die Regionalbehörde Forestas bestätigt, dass das beobachtete Absterben und Verbräunen der Baumkronen in Steineichen- und Macchiaformationen des östlichen Sardiniens eng mit dem anhaltenden Wasserdefizit durch rückläufige Niederschläge zusammenhängt. Der Sommer 2024 habe „einen kritischen Punkt mit stark negativer Wasserbilanz" markiert.

Im Jahr 2024 brannten in Italien fast 46.000 Hektar zwischen Juni und September, davon knapp 9.000 Hektar Wald. Die am stärksten betroffenen Regionen waren Sizilien, Kalabrien, Sardinien und Kampanien - zusammen ca. 85% der nationalen Waldbrandfläche.

3.4 Mikro: Spanien - Doñana-Feuchtgebiet und die verschwindende Primavera

Die Dürre ist für die Hälfte der in spanischen Wäldern registrierten Schäden verantwortlich (Defoliation, Biomasseverlust, Rückgang).

Der Nationalpark Doñana hat in kurzer Zeit dreimal vollständig ausgetrocknet - ein Ereignis, das weder in der schweren Dürre der Mitte der 1990er Jahre noch in der frühen 2000er-Dürre eingetreten war. Das ist ein klassisches Regime-Shift-Signal: Ereignisse, die zuvor keine Referenzperiode hatten.

Wissenschaftler warnen: Extreme, sich verlängernde Hitzewellen können das hydraulische Versagen fördern und die Waldsterblichkeit erhöhen. In einigen Gebieten beginnt die Dürre im Mai - traditionell Frühling - was die Pflanzenphänologie grundlegend verschiebt.

3.5 Makro/Mikro: Alpen - die Flora klettert nach oben

Die Klimaerwärmung in den Bergregionen Südeuropas (Südalpen, Apennin, Pyrenäen, Sierra Nevada) ist mit veränderten Niederschlagsmustern verbunden, insbesondere mit einem Rückgang von Tiefe und Dauer der Schneedecke sowie einer Verlängerung und Intensivierung der Sommerdürre. Die Folge: Verschiebungen der Verbreitungsgebiete nach oben, Veränderungen der Artenvielfalt auf alpinen Gipfeln sowie Baumgrenzverschiebung.

Beobachtete Auswirkungen umfassen das Vordringen der Baumgrenze, die Umwandlung alpiner Graslandschaften in Zwergstrauchheiden und erhöhte Aussterberisiken für kälteangepasste Arten. Gletscherrückgang und verringerte Schneedecke bedrohen besonders Hochlagen-Pflanzengemeinschaften.

In den Alpen werden viele Arten erwartet, die nach oben migrieren - was das Aussterberisiko für kälteangepasste alpine Pflanzen erhöht, da sie nur begrenzte Möglichkeiten zur Neubesiedelung haben. Die Alpen beherbergen rund 4.500 Gefäßpflanzenarten, darunter etwa 400 endemische Arten.


4. Nordamerika: Boreale Wälder unter Dauerstress

Makro: Kanada - Dürre-Sterblichkeit strukturell verankert

Die kanadischen borealen Wälder, die ca. 30% der weltweiten borealen Wälder und 77% der gesamten Waldfläche Kanadas ausmachen, spielen eine kritische Rolle im Albedo der Erdoberfläche und im globalen Kohlenstoffhaushalt. Dürrebedingte Baumsterblichkeit ist ein global aufkommendes Problem, das unter den projizierten zukünftigen Klimaveränderungen weltweit zunehmen dürfte.

Eine verbreitete Zunahme der Baumsterblichkeit wurde in vielen Waldtypen in Kanada und weltweit in den letzten Jahrzehnten gemeldet. Eine schwere Dürre 2001–2002 führte zu Absterben und Rückgang von Espenwäldern in weiten Teilen Nordamerikas. Obwohl Baumsterblichkeit schwer vorherzusagen ist, wird erwartet, dass sie mit dem fortschreitenden Klimawandel zunimmt.

2024: Rekord-Tropenwaldverluste global: Im Jahr 2024 erreichte der Tropenwaldverlust Rekordniveaus. Großflächige Brände, hauptsächlich menschengemacht und verstärkt durch steigende Temperaturen und Dürre, waren ein Haupttreiber. Insgesamt gingen 6,7 Millionen Hektar tropischen Waldes verloren - fast doppelt so viel wie 2023.


5. Asien/Pazifik: Indonesien - die Entwaldungs-Explosion

5.1 Makro: +66% Entwaldung 2025

Das dramatischste aktuelle Signal aus der Region:

Indonesiens Entwaldung stieg 2025 um 66%, womit jahrelange Rückgänge rückgängig gemacht wurden. Insgesamt wurden 433.751 Hektar Wald gerodet - ein dramatischer Sprung von 261.575 Hektar in 2024. Unter den Inseln verlor Borneo am schnellsten Wälder, gefolgt von Sumatra und Papua. Die am stärksten betroffene Provinz war Ost-Kalimantan, Standort der geplanten neuen Hauptstadt.

Drei von Überschwemmungen und Erdrutschen betroffene sumatranische Provinzen zeigten „dramatische Zunahmen der Entwaldung": Aceh +426%, Nordsumatra +281%, Westsumatra +1.034% gegenüber 2024.

Palmöl-getriebene Entwaldung in Papua verdoppelte sich 2025 auf 7.333 Hektar - der höchste Jahreswert seit 2018. Die Palmölexpansion verlagert sich östlich nach Papua, da Land in Sumatra und Kalimantan knapper wird.

5.2 Mikro: Borneo - Biomasseverlust in Tieflandwäldern

Eine 17-Jahres-Rekonstruktion der Waldbiomasse-Dynamik in Borneo dokumentiert heterogene Dynamiken: ausgedehnte Verluste in Tieflandwäldern und lokale Regeneration in Schutzgebieten. Mehr als die Hälfte des Waldverlusts betraf kritische Lebensräume für bedrohte Arten wie Orang-Utans, Tiger und Elefanten, besonders in Borneo und Sumatra.


6. Afrika: Kongobecken und Mangroven unter Druck

6.1 Makro: Kongobecken - Primärwaldverlust ohne Ende

Trotz Verpflichtungen der Kongobecken-Länder durch den COMIFAC-Konvergenzplan 2015–2025 erleidet die Region weiterhin Verluste wertvoller Primärwälder ohne absehbares Ende.

Kamerun verzeichnete 2025 seinen höchsten jemals aufgezeichneten Primärwaldverlust. Der nicht-feuerbedingete Primärwaldverlust in der DRK erreichte 2025 ebenfalls ein Rekordniveau. Kleinbäuerliche Landwirtschaft, Holzkohleproduktion und konfliktbedingte Vertreibung tragen zu einem diffusen Verlustmuster bei.

Kaskadeneffekt in der Sahel: Das Kongobecken ist eine wichtige Regenquelle für die Sahel-Region. Studien zeigen, dass Luft doppelt so viel Regen produziert, nachdem sie über ausgedehnte tropische Vegetation gestrichen ist. Eine anhaltende Entwaldung könnte weitere Krisen auslösen.

Im Niger-Delta führt urbane Expansion zur Fragmentierung der Mangroven-Habitate, was die Konnektivität zwischen Mangroven und anderen Ökosystemen verringert - mit reduzierter Biodiversität und degradierten ökologischen Funktionen.

6.2 Makro: Mangroven weltweit — 21,6% Verlust in 35 Jahren

Eine in Geophysical Research Letters 2025 publizierte Studie (Ju et al.) dokumentiert: Die globale Mangrovenfläche ist von 1985 bis 2020 um 21,6% zurückgegangen, mit einem 16,5% Rückgang des Kohlenstoffvorrats. Über 30% des globalen Kohlenstoffverlust-Gesamts entfiel auf Südostasien.

Die größten Verluste traten in Südostasien auf, wo 4,8% der Mangroven verschwanden. Myanmar, Indonesien und Malaysia verzeichnen weiterhin Verlustraten deutlich über dem globalen Durchschnitt.


7. Zusammenfassung: Was hier wirklich passiert

Es gibt eine Versuchung, die Daten dieses Berichts als Sammlung von Krisenherden zu lesen - geografisch verteilte Probleme, die getrennt voneinander gelöst werden könnten, wenn nur der politische Wille vorhanden wäre. Diese Lesart ist falsch. Was hier beschrieben wird, ist ein einziger, global synchronisierter Prozess: die Destabilisierung der pflanzlichen Biosphäre unter dem Druck einer Erderwärmung, die schneller voranschreitet als biologische Systeme sich anpassen können.

Das Kernproblem ist nicht Entwaldung. Entwaldung ist ein Symptom, und es ist ein gut dokumentiertes - man kann Satelliten darauf richten, Zahlen produzieren, Fortschritte messen. Das Kernproblem ist etwas Subtileres und schwerer Messbares: die zunehmende Entkopplung zwischen dem Tempo des Klimawandels und der Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen. Die Oxford-Studie in Science hat das erstmals quantifiziert: 8% der notwendigen Anpassung. Zehnmal zu langsam. Das ist keine Lücke, die sich mit Zeit schließt - das ist eine strukturelle Inkompatibilität zwischen der Geschwindigkeit des anthropogenen Wandels und der Evolutionszeit biologischer Systeme.

Was das konkret bedeutet, lässt sich an drei Mustern ablesen:

Erstens: Die Hoffnungsbäume versagen. In Deutschland war die Buche jahrzehntelang der Ersatzkandidat für die sterbende Fichte - klimaresilienter, tiefwurzelnder, angeblich zukunftsfähig. Sie stirbt jetzt ebenfalls, am Schönberg bei Freiburg und anderswo. In Sardinien und Sizilien sind es die Steineichen, die als mediterrane Ankerarten galten. In Indonesien sind es nicht mehr nur Primärwälder, die verloren gehen, sondern auch Sekundärvegetation, die als Regenerationspuffer dienen sollte. Das Muster ist konsistent: Was als Rückzugsposition galt, hält nicht.

Zweitens: Die Schwellenwerte werden konkreter. Die Wissenschaft war lange vorsichtig mit präzisen Kipppunkt-Angaben. Das ändert sich. Für den Amazonas gibt es jetzt zwei Zahlen: 1,5°C für ein „erhebliches Risiko" und 2,3°C für eine nichtlineare Beschleunigung des Waldkollapses. Für den Amazonas-Dieback gibt es Klimatrigger: Jahresdurchschnittstemperaturen über 32,2°C und Niederschläge unter 1.394 mm. Das sind keine abstrakten Szenarien mehr — das sind Schwellen, die unter mittleren Emissionspfaden erreichbar sind. Und sie gelten nicht nur für den Amazonas: Die Verschiebung alpiner Flora in den Alpen, das Aussterberisiko kälteangepasster Endemiten, die dreifache Totalaustrocknung von Doñana - all das sind Signale von Systemen, die an ihren Grenzen operieren.

Drittens: Die Verluste sind asymmetrisch und unsichtbar. 21,6% der globalen Mangrovenfläche seit 1985 - das ist eine Zahl, die im Diskurs kaum vorkommt, weil Mangroven keine charismatischen Megawälder sind. Der Primärwaldverlust in der DRK und Kamerun findet statt, während die Aufmerksamkeit auf den Amazonas gerichtet ist. Die Steineichen auf Sardinien sterben, während Europa über Klimaziele diskutiert. Die Disproportion zwischen dem Tempo des realen Verlusts und der öffentlichen Wahrnehmung ist selbst ein systemisches Problem - sie verzögert politische Reaktionen, bis die Schwellen bereits überschritten sind.

Das Paradox der guten Zahlen: Brasilien meldet drei Jahre in Folge sinkende Entwaldungsraten. Indonesien hatte vor 2025 ebenfalls Fortschritte vorzuweisen. Diese Zahlen sind real und verdienen Anerkennung. Aber sie messen Entwaldung durch menschliche Hand - nicht die wachsende Sterblichkeit durch klimatische Stressfaktoren, die sich keiner Behörde gegenüber verantworten muss. Brandbedingte Entwaldungsalarme stiegen im Amazonas um 245,7%, während die Gesamtzahlen zurückgehen. Das Feuer ist nicht menschliche Politik - es ist Systemdynamik.

Was folgt daraus? Keine einfache Botschaft. Die Daten erlauben keinen Optimismus und keinen Fatalismus - sie fordern Präzision. Präzision darüber, welche Prozesse noch steuerbar sind (direkte Entwaldung durch Landnutzung - ja, zumindest teilweise) und welche es nicht mehr sind (die Eigendynamik von Ökosystemen, die ihren Kipppunkt bereits überschritten haben - nein). Präzision darüber, dass Schutzgebiete nur dann Puffer bieten, wenn die Klimabedingungen in ihnen noch mit den Arten kompatibel sind, die sie schützen sollen. Und Präzision darüber, dass „Waldsterben" nicht mehr das Waldsterben der 1980er-Jahre ist - mit einem identifizierbaren Schadstoff, einer politischen Lösung, einem Happy End. Das neue Waldsterben ist ein Symptom eines planetaren Temperaturregimes, das sich strukturell von dem unterscheidet, in dem diese Wälder entstanden sind.

Die Wälder schweigen zuerst. Alles weitere folgt.


8. Regime-Shift-Indikatoren: Übersicht nach Schweregrad

Region Indikator Status
Amazonas Brandrate +245%, Anpassungsrate <8 % ⚠️ Annähernd
Indonesien/Borneo +66% Entwaldung 2025, Artenhabitate kollabieren 🔴 Aktiv
Deutschlands Wälder Fichte strukturell ersetzt, Eiche in Krise ⚠️ Laufend
Sardinien/Sizilien Steineichen-Massensterben, Notfallprogramm ⚠️ Lokal, beschleunigend
Alpen Artenverschiebung nach oben, Endemiten bedroht ⚠️ Laufend
Doñana, Spanien Dreifache Totalaustrocknung ohne historisches Präzedenz 🔴 Möglicherweise irreversibel
Kongobecken/DRC Rekord-Primärwaldverlust, Kamerun höchste Rate je 🔴 Aktiv
Tropische Wälder Amerika Strukturelle Anpassung 10× zu langsam 🔴 Systemisch
Mangroven weltweit −21,6% Fläche seit 1985, Kohlenstoffspeicher kollabiert 🔴 Fortgeschritten

9. Primärquellen

  • Aguirre-Gutiérrez et al. (2025), Science 387 - Anpassungsrückstand Tropenwald Amerika
  • Munday et al. (2025), Nature Climate Change - Amazônia Dieback bei 1,5°C Overshoot
  • PNAS (2025) — Schwellenwert 2,3°C für nichtlinearen Amazonas-Kollaps
  • Waldzustandsbericht 2025, BMLEH (Deutschland) — bmleh.de
  • Waldzustandsbericht NRW 2025, Wald und Holz NRW
  • Seddaiu et al. (2025), Forest@ — Steineichen-Sterben in Italien (Quercus ilex)
  • INPE/PRODES 2025 — Entwaldungsmonitoring Brasilien
  • Auriga Nusantara (2026) — Indonesien: Entwaldungssurge +66 %
  • WRI Global Forest Review 2025/2026 — gfr.wri.org
  • Ju et al. (2025), Geophysical Research Letters — Globaler Mangroven-Rückgang 1985–2020
  • ISPRA (2025) - Waldbrand-Bericht Italien 2024
  • Fundación Global Nature (2025) - Doñana-Feuchtgebietsbericht
  • Flores et al. (2024), Nature 626 — Critical transitions in the Amazon forest system
  • Ramírez-Barahona et al. (2025), Science — Mesoamerikanische Wolkenwälder

Dieser Beitrag ist Teil der laufenden Klima-Berichterstattung von Miscatonic - „Damit du den Überblick behältst, ohne den Verstand zu verlieren."

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