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Klima-Briefing vom 30.03.2026

Der 30. März 2026 hat einen gemeinsamen Nenner: Was wir wissen, reicht nicht. Die Daten über den Meeresspiegel sind falsch. Die Biodiversitätspläne fehlen. Die Wetterrekorde in Südasien liegen jenseits der Aufzeichnungsgeschichte. Und in Kenia sterben Menschen an einer Doppelkrise, die keinen Namen hat, weil sie keine einzelne Schlagzeile füllt. Seit dem 6. März 2026 steigt die Zahl der Todesopfer durch Überschwemmungen in Kenia kontinuierlich an. Am 28. März bestätigte der National Police Service 108 Tote – fünf mehr als am Vortag [1]. Blitzfluten haben Fahrzeuge mitgerissen, die Stromversorgung beschädigt und über 2.700 Familien vertrieben. Im Norden des Landes, in den ariden und semiariden Regionen (ASALs), läuft parallel eine andere Katastrophe: Über 3,7 Millionen Menschen drohen laut IPC-Bericht bis Juni 2026 in akute Hungersnot zu geraten. 400.000 von ihnen befinden sich bereits in Phase 4 – „Emergency" [2]. In Teilen des Nordostens sind 90 Prozent der Wasserquellen versiegt...

Wochenfazit KW 13: Sieben Tage, eine Richtung

Die Woche vom 23. bis 29. März 2026 brachte keine Überraschungen. Sie brachte Bestätigungen. Die WMO eröffnete sie mit der Feststellung, dass die Jahre 2015 bis 2025 die wärmsten elf Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen waren – das ist keine Prognose mehr, das ist Protokoll. Die Woche endete mit der Meldung, dass das arktische Wintereis 2026 zum zweiten Jahr in Folge ein statistisches Rekordtief erreicht hat: 14,29 Millionen Quadratkilometer. Dazwischen lagen sieben Tage, in denen kein System stillstand. Diese Woche hatte einen Charakter: paralleler Abbau auf mehreren Fronten, beschleunigt, ohne institutionellen Gegendruck. Hitze ohne Präzedenz Im US-amerikanischen Westen brach eine Hitzewelle, die nach offiziellen Zählungen Rekorde in 28 Bundesstaaten aufstellte. Der nationale März-Rekord wurde auf 44,4°C gesetzt. Acht Bundesstaaten überschritten ihre absoluten März-Höchstwerte. Bis Ende der Woche lagen rund 190 weitere Rekorde vor. Das ist keine Häufung unglücklicher Umstände – eine ...

Klima-Briefing vom 29.03.2026

Wenn Zahlen nicht stimmen  Der heutige Klimatag hat einen gemeinsamen Nenner: Die Zahlen stimmen nicht. Nicht das Meereis, nicht die Schneedecke, nicht die Brandgase im Amazonas – und auch nicht die Modelle, auf die sich Klimapolitik stützt. Was heute sichtbar wird, ist weniger ein einzelnes Ereignis als eine methodische Unterkante: Das System ist schlechter dran, als die offiziellen Datensätze zeigen. Zum zweiten Mal in Folge hat das arktische Wintereis seinen Höhepunkt auf Rekordtief erreicht. Am 15. März maßen NASA und NSIDC eine Ausdehnung von 14,29 Millionen Quadratkilometern – statistisch gleichauf mit dem Tiefstwert 2025 [1]. Das Defizit gegenüber dem Mittelwert 1981–2010 entspricht der doppelten Fläche von Texas. Bedeutsamer als die Fläche ist jedoch, was ICESat-2-Satellitendaten zeigen: Das Eis ist dünner geworden, besonders in der Barentssee. Weniger Fläche, weniger Volumen, weniger Mehrjahreseis, das die Sommerschmelze überdauert. Der Klimawissenschaftler Zack Labe von C...

🔬 Klima-Briefing vom 28.03.2026

Distortion in Reinform Der heutige Klimatag hat keine Einzelmeldung, die alles überragt. Er hat fünf Meldungen, die zusammen ein kohärentes Bild ergeben: Das institutionelle Gerüst, das die Klimakrise verwalten soll, löst sich auf. Gleichzeitig schreiten die physikalischen Prozesse fort, die es verwalten sollte. Der IPCC hat seine 64. Plenarsitzung in Bangkok beendet – ohne Einigung über den Zeitplan für den sechsten Sachstandsbericht AR7 [1]. Das ist kein bürokratisches Detail. Der AR7 ist das wissenschaftliche Fundament, auf dem die nächste Runde der nationalen Klimaziele aufgebaut werden soll. Ohne Zeitplan kein Bericht, ohne Bericht keine Grundlage. Der Prozess stockt nicht zum ersten Mal – und jedes Mal, wenn er stockt, verliert er ein weiteres Jahr, das nicht mehr zu gewinnen ist. Im Westen der USA läuft ein anderer Kollaps in Zeitlupe ab. Der Colorado River versorgt sieben US-Bundesstaaten und Mexiko mit Wasser. Sein Zufluss in den Lake Powell liegt aktuell bei 36 Prozent des hi...

🔬 Jacobson #38/2 – Lieferketten- & Transportkollaps Pipelines

Das Argument in einem Satz Wenn von Lieferkettenkollaps die Rede ist, denken die meisten an Container, Häfen, LKW. Das ist der sichtbare Teil. Der unsichtbarere, aber nicht weniger kritische Teil: Pipelines. Öl. Gas. Fernwärme. Wasser. Pipelines transportieren täglich mehr Energie als alle anderen Verkehrsträger zusammen – still, unterirdisch, unsichtbar. Und sie sind unter allen Lieferketteninfrastrukturen am unmittelbarsten vom Klimawandel bedroht. Status laut Top-40-Check 🔴  Aktiv eskalierend / systemisch Die Zahlen, die man kennen muss (Pipelines & Energie) Permafrost & Pipeline-Integrität: 70% aller aktuellen Infrastruktur in Permafrostregionen liegt in Gebieten mit hohem Auftaupotenzial bis 2050 – auch bei Erreichung der Pariser Klimaziele (Hjort et al., Nature Communications 2018) ⅓ der gesamten pan-arktischen Infrastruktur in Hochrisikozone durch Permafrostauftauen 45% aller Kohlenwasserstoff-Förderfelder in der russischen Arktis liegen in Regionen, wo Auftauen sch...

🔬 Jacobson #38/1 – Lieferketten- & Transportkollaps Verkehr

  Das Argument in einem Satz Lieferkettenunterbrechungen durch Extremwetter stiegen 2021–2023 um 44% – und das ist nur, was gemessen wird. Klimawandel kostet globale Lieferketten bereits über 100 Milliarden USD jährlich durch direkte Extremwetterschocks. Die King's College / Nature-Studie (März 2024) zeigt: Bis 2060 können klimabedingte Lieferkettenstörungen 3,75 bis 24,7 Billionen USD kumulierte Nettoverluste erzeugen – über den direkten Klimaschaden hinaus. Das Globalisierungsmodell – Just-in-Time, geografisch konzentrierte Produktion, maximale Effizienz – war nie für die Klimarealität gebaut. Status laut Top-40-Check 🔴 Aktiv eskalierend / systemisch – Sun et al. (Nature, März 2024): 3,75–24,7 Billionen USD Lieferkettenverluste bis 2060. Council Fire: +30% Supply Chain Disruptions 2024 vs. 2023. Resilinc EventWatchAI: +44% Extremwetter-Alerts 2021–2023. Panama-Kanal-Krise 2021–2024: minus 49% Monatsverkehr. BCI Supply Chain Resilience Report 2024: Fast alle Organisationen se...

🔬 Jacobson #37 – Stürme

  Das Argument in einem Satz Die Atlantik-Hurrikansaison 2024 kostete 500 Milliarden Dollar – mit sieben Rapid-Intensification-Ereignissen in einer einzigen Saison. Klimawandel erhöhte die Windgeschwindigkeit aller elf Hurrikane der Saison um 3 bis 14 mph. Milton intensivierte sich in unter 24 Stunden von einem Tropensturm zu einem Kategorie-5-Hurrikan mit 180 mph Windstärke – dem schnellsten je gemessenen Intensivierungsereignis im Golf von Mexiko. Und in den vergangenen 20 Jahren (2004–2023) haben 27 Hurrikane extreme Rapid Intensification erreicht, verglichen mit nur 12 in den 20 Jahren davor (1984–2003). Status laut Top-40-Check 🔴 Aktiv eskalierend / Rekordniveau – AccuWeather: 500 Mrd. USD Gesamtschaden 2024-Atlantiksaison. WMO: Namen Beryl, Helene, Milton, John wegen Schwere der Schäden pensioniert. Climate Central: Klimawandel erhöhte Windgeschwindigkeit jedes einzelnen Hurrikans 2024. Munich Re: Gesamtkosten tropische Zyklone 2024 (Atlantik + Nordwestpazifik): 133 Mrd....

Klima-Briefing vom 27.03.2026

  Der Kollaps rechnet nicht zusammen Fünf Meldungen an einem Tag. Fünf verschiedene Systeme. Keine davon stehen in einer Zeitung nebeneinander. Das ist der Punkt. Im US-Westen fallen im laufenden Wasserjahr 2026 nur noch fünf von rund 70 Flusseinzugsgebieten über dem historischen Schneemedian. Das ist keine Dürre im üblichen Sinne — Colorado, Utah, New Mexico und Arizona stecken in ihrer schwersten Schneekrise seit über 40 Jahren, und mehrere Staaten verzeichnen den wärmsten Winter seit Messbeginn 1895.  Schnee ist kein Luxus in dieser Region — er ist die einzige funktionierende natürliche Wasserinfrastruktur. Die Bureau of Reclamation prognostiziert, dass der Lake Powell bis Dezember 2026 unter das Mindestniveau für Stromerzeugung sinkt — was bedeutet, dass der Glen Canyon Dam aufhört, Strom für sieben Bundesstaaten zu produzieren. Wasser, Strom, Landwirtschaft: drei Systeme, ein Kaskadeneffekt, eine Schlagzeile. Parallel dazu: Acht Bundesstaaten brachen in den letzten Tagen ...

🔬 Jacobson #36 – Artensterben

  Das Argument in einem Satz Die durchschnittliche Wildtierpopulation hat sich seit 1970 um 73% verringert – in Südamerika und der Karibik sogar um 95%. Aussterberaten liegen derzeit 1.000-  und zukünftig bis 10.000-mal über dem natürlichen Hintergrundniveau. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind akut vom Aussterben bedroht – mehr als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Und die Gattungsaussterberate ist 35-mal höher als erwartet. Aber: Ein produktiver wissenschaftlicher Dissens 2025 fragt, ob wir das Sechste Massenaussterben "sechstes Massenaussterben" nennen sollten – und diese Debatte ist slapstickartiges Gold. Das Wohnzimmer brennt, die Tapete schmilzt und in der Küche diskutieren zwei Leute, ob der Brand schon groß genug ist, um ihn gegenüber der Feuerwehr als Großbrand zu bezeichnen, sobald man sie anruft.  Status laut Top-40-Check 🔴 Aktiv eskalierend / wissenschaftlich debattiert, aber keine Entwarnung – WWF Living Planet Report 2024: −73% Wildtierpopula...

🔬 Jacobson #35 – Zusammenbruch des AMOC/SMOC

  Das Argument in einem Satz Der AMOC transportiert Wärme in Höhe eines Petawatts durch den Atlantik – 50-mal der Gesamtenergieverbrauch der Menschheit. Sein Zusammenbruch würde Europa um 4–10°C abkühlen, tropische Regenzonen verschieben, den Amazonas austrocknen und den Meeresspiegel an der Nordostküste der USA um bis zu einem Meter zusätzlich erhöhen. 44 der führenden Ozeanwissenschaftler der Welt haben im Oktober 2024 in einem offenen Brief erklärt: Das Risiko ist größer und kommt früher als bisher angenommen. Und Stefan Rahmstorf (PIK) formuliert die eigentliche Aussage: Es geht nicht darum, 100% sicher zu sein, dass es passiert – sondern 100% sicher zu sein, dass es nicht passiert. Diese Sicherheit haben wir nicht. Status laut Top-40-Check 🟠 Wissenschaftlich hochkontrovers / ernsthaft besorgniserregend – Dies ist der Jacobson-Punkt mit dem reichsten und produktivsten wissenschaftlichen Dissens in der gesamten Top-40-Liste. Auf der einen Seite: Van Westen et al. (Science A...