🔬 Jacobson #36 – Artensterben

 

Das Argument in einem Satz

Die durchschnittliche Wildtierpopulation hat sich seit 1970 um 73% verringert – in Südamerika und der Karibik sogar um 95%. Aussterberaten liegen derzeit 1.000-  und zukünftig bis 10.000-mal über dem natürlichen Hintergrundniveau. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind akut vom Aussterben bedroht – mehr als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Und die Gattungsaussterberate ist 35-mal höher als erwartet. Aber: Ein produktiver wissenschaftlicher Dissens 2025 fragt, ob wir das Sechste Massenaussterben "sechstes Massenaussterben" nennen sollten – und diese Debatte ist slapstickartiges Gold. Das Wohnzimmer brennt, die Tapete schmilzt und in der Küche diskutieren zwei Leute, ob der Brand schon groß genug ist, um ihn gegenüber der Feuerwehr als Großbrand zu bezeichnen, sobald man sie anruft. 

Status laut Top-40-Check

🔴 Aktiv eskalierend / wissenschaftlich debattiert, aber keine Entwarnung – WWF Living Planet Report 2024: −73% Wildtierpopulationen seit 1970, −85% Süßwasser, −95% Lateinamerika. Ceballos/Ehrlich (PNAS 2023): 73 Gattungen ausgestorben seit 1500, 35-fach über natürlichem Hintergrund. IPBES 2019 (aktuellste Gesamtbewertung): 1 Mio. Arten bedroht. Wiens & Saban (TREE 2025): Sechstes Massenaussterben wissenschaftlich noch nicht bestätigt – aber "katastrophal" selbst im besten Fall. Kumamoto-Prozess UN Biodiversitätsgipfel (COP16, 2024): Cali-Fonds, 30x30-Ziel. Klimawandel ist derzeit fünftstärkster Treiber – wird bis 2050 zum Haupt-Treiber.


Die Zahlen, die man kennen muss

Populationsrückgang (WWF Living Planet Report 2024):

  • Durchschnittliche globale Wildtierpopulation: −73% seit 1970 (1970–2020)
  • Basis: 34.836 Populationstrends, 5.495 Arten (Amphibien, Vögel, Fische, Säugetiere, Reptilien)
  • Süßwasserpopulationen: −85% seit 1970 – stärkster Einbruch aller Habitate
  • Terrestrische Populationen: −69% seit 1970
  • Marine Populationen: −56% seit 1970
  • Lateinamerika & Karibik: −95% – stärkster regionaler Rückgang weltweit
  • Afrika: −76%; Asien-Pazifik: −60%
  • Europa/Zentralasien: −35%; Nordamerika: −39% (reflektiert vorherige Degradation, nicht weniger Bedrohung)
  • Fliegende Insektenbiomasse in Europa: −75% in 27 Jahren selbst in Schutzgebieten (Hallmann et al. 2017)

Aussterberaten (Ceballos/Ehrlich/IPBES/IUCN):

  • Natürliche Hintergrundrate: 1–5 Arten pro Jahr
  • Aussterberate: aktuell 1.000– zukünftig 10.000-mal höher als Hintergrundniveau (De Vos et al. 2014)
  • Gattungsaussterben seit 1500: 73 Gattungen Landwirbeltiere – was ohne Menschen 18.000 Jahre gedauert (Ceballos/Ehrlich, PNAS 2023)
  • Gattungsaussterberate: 35-mal höher als natürlicher Hintergrund
  • IPBES 2019: 1 Million Tier- und Pflanzenarten bedroht – viele innerhalb von Jahrzehnten
  • IUCN Rote Liste 2024: 44.016 von 163.040 bewerteten Arten bedroht (27 %)
  • Neuer Aussterberekord Schnecken: 261 Arten als ausgestorben bestätigt – größte Gruppe je (Cowie et al. 2022)

Klimawandel als wachsender Treiber:

  • IPBES 2019: Klimawandel ist derzeit 5. Haupttreiber (nach Landnutzung, Ausbeutung, Verschmutzung, Invasive Arten)
  • Bis 2050: Klimawandel wird zum dominanten Treiber des Artenverlustes in vielen Regionen (IPCC SR1.5)
  • 1,5°C: 6% der Insekten, 8% der Pflanzen, 4% der Wirbeltiere verlieren >50% ihres geografischen Verbreitungsgebiets
  • 2°C: 18% der Insekten, 16% der Pflanzen, 8% der Wirbeltiere verlieren >50% (IPCC SR1.5)
  • Korallen (bei 2°C): 99% der Korallenriffe verlieren geeignete thermische Habitate (IPCC SR1.5)
  • Urban et al. (Science 2015): 1 von 6 Arten weltweit vom Aussterben durch Klimawandel bedroht unter Business-as-usual

Die ökonomische Dimension:

  • Lebendige Natur: 10% des globalen BIP als ökosystemare Dienstleistungen (IPBES/UNEP)
  • Bestäubungsverlust: bis zu 577 Mrd. USD jährliche Erntegefährdung (IPBES 2019)
  • Naturbasierte Lösungen: Schutz von Biodiversität könnte 10–20% der Klimamitigation liefern
  • ⚠️ Kommunikationshinweis – Der produktive Dissens 2025: Wiens & Saban (Trends in Ecology & Evolution, 2025) argumentieren, dass die aktuelle Krise geologisch noch kein Massenaussterben ist – weil die Schwelle (75% Artenverlust) noch nicht erreicht ist. Das ist wissenschaftlich korrekt und kommunikativ nutzbar: (1) Es zeigt, dass Wissenschaft präzise ist, auch wenn es unbequem ist. (2) Die Autoren selbst sagen: "Wir sind überzeugt, dass die Erde am Rande grosser Biodiversitätsverluste steht" – selbst die Zweifler sind besorgt. (3) Selbst ihr "bestes Szenario" (12–40% Artenverlust bis 2100) wäre, ihre Worte: "catastrophic". Persönliche Meinung: Nicht über die Definition streiten – sondern die Zahl anschauen. 73% weniger Wildtiere. Das ist das Ergebnis, um das es geht.

Drei Mechanismen

1. Die fünf Treiber und warum Klimawandel die Wildcard ist

IPBES hat fünf direkte Treiber des Artenverlusts identifiziert, in der Reihenfolge ihrer aktuellen Bedeutung:

  1. Landnutzungsänderungen (Haupttreiber terrestrisch)
  2. Direkte Ausbeutung (Haupttreiber marin)
  3. Klimawandel (heute Platz 3–5, je nach System)
  4. Verschmutzung
  5. Invasive Arten

Klimawandel ist heute noch nicht der größte Einzeltreiber. Aber er ist der am schnellsten wachsende – und er verstärkt alle anderen. Dürre macht Habitatverluste schlimmer. Hitze macht Invasivarten konkurrenzfähiger. Ozeanversauerung (#29) macht marine Ausbeutung destruktiver. Waldbrände (#17) löschen geschlossene Habitate aus. Und: Klimawandel trifft Arten auch in Schutzgebieten – der einzige Faktor, dem Grenzen nichts entgegenhalten können.

2. Populationsrückgang als Frühwarnsignal

Die -73%-Wildtierpopulations-Zahl und die Aussterbe-Zahl messen verschiedene Dinge. Populationsrückgang ist früher – er erfasst die "defaunation" (biologische Entleerung) bevor Arten offiziell aussterben. Ein Art kann noch existieren, während 90% ihrer Populationen verschwunden sind. Die ökologische Funktion dieser Art – Bestäubung, Samenausbreitung, Prädation, Nährstoffzyklus – ist bereits weg.

Das ist der Kernbefund von Ceballos et al. (PNAS 2017): "Biological annihilation" – die Welt stirbt nicht an Species-Aussterben, sondern an Population-Kollaps. Eine Welt mit den letzten 100 Exemplaren einer Art ist nicht "lebend" im ökologischen Sinne. Das Waldökosystem, das keine Schimpansen mehr hat, funktioniert anders. Der Ozean ohne Haie ist ein anderes System.

3. Der Baum des Lebens verliert seine Äste

Ceballos & Ehrlich (PNAS 2023) haben einen besonders beunruhigenden Befund: Das Aussterben betrifft nicht nur Arten, sondern Gattungen – ganze evolutionäre Zweige. 73 Gattungen Landwirbeltiere seit 1500 ausgestorben. Das ist nicht nur der Verlust einer Pflanzart, sondern ganzer evolutionärer Linien, die Millionen Jahre gebraucht haben, um zu entstehen, und niemals zurückkommen werden.

Die Wiederherstellungszeit nach früheren Massenaussterben: 5–10 Millionen Jahre. Das ist der eigentliche Zeitrahmen dieser Krise. Nicht Jahrzehnte. Nicht Jahrtausende. Millionen Jahre. Das, was jetzt verloren geht, ist permanent – in jeder menschlich relevanten Zeitskala.


Synthesis-Querverbindungen

  • Conservative Bias: Wir kennen weniger als 20% aller Arten auf der Erde. Aussterbedaten basieren auf bekannten Arten; die Dunkelziffer ("dark extinction") ist unbekannt, aber systematisch höher. Schnecken, Insekten, Pilze, marine Invertebrate – all diese Gruppen haben massive Datenlücken. Die IPBES-Zahl (1 Million bedroht) ist eine Untergrenze für bekannte Arten.
  • Niemand addiert zusammen: Artenverlust (#36) + Bestäubungsverlust (#04) + Algenblüten (#02) + Ozeandeoxygenierung (#29) + Korallenbleiche (#06) + Waldbrände (#17) + Entwaldung (#08) + Desertifikation (#09). Diese acht Jacobson-Punkte sind alle direkte Ursachen oder Konsequenzen des Artenverlustes. Kein Bericht kommuniziert die kumulative Belastung der Biodiversität als Gesamtsystem.
  • Kaskadeneffekte: Bestäuber sterben → Ernteausfall (#07) + Wald verliert Samen-Ausbreiter → Regeneration bricht zusammen → Entwaldung beschleunigt + Fischpopulationen kollabieren → Nahrungsunsicherheit (#22) + Insektenverlust → Vogelverlust → Schdlingsexplosion → mehr Pestizide → mehr Insektenverlust. Diese ökologischen Rückkopplungsloops sind in den meisten Klimaberichten nicht erwähnt.
  • Sichtbarkeitsverzerrung: Ein aussterbendes Tier ist ein Bild – wenn es groß, charismatisch und mit Namen ausgestattet ist (Amur-Leopard, Kakapo, Sumatra-Orang-Utan). Die "defaunation" – der stille Zusammenbruch von Populationen – ist unsichtbar. Fliegende Insektenbiomasse um 75% reduziert in deutschen Schutzgebieten: kein Bild, kein Datum, keine Schlagzeile. Das ist das Kernproblem der Biodiversitätskommunikation.

Verifizierte Quellen mit Links


De Vos et al. 2014

Aussterberate: 1.000x (aktuell) –10.000x (zukünftig) höher als Hintergrundniveau (De Vos et al. 2014) 

🔗 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25159086/


WWF Living Planet Report 2024

Leitbericht. -73% Wildtierpopulationen 1970–2020. -85% Süßwasser. -95% Lateinamerika. 35.000 Populationstrends. COP16-Kontext.

🔗 https://www.worldwildlife.org/publications/2024-living-planet-report/

Ceballos & Ehrlich (PNAS, September 2023): Mutilation of the tree of life via mass extinction of animal genera

Gattungsebene-Analyse. 73 Gattungen ausgestorben seit 1500. 35x über Hintergrundrate. 18.000 Jahre in 5 Jahrhunderten verbrannt. Irreversibilitätsbefund.

🔗 https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2306987120

IPBES Global Assessment Report 2019

1 Million Arten bedroht. 145 Wissenschaftler, 50 Länder, 15.000 Quellen. Fünf Haupttreiber. Aktuellste globale Synthesis-Bewertung.

🔗 https://www.ipbes.net/global-assessment

IUCN Red List 2024

163.040 bewertete Arten; 44.016 (27%) bedroht. Kategorien: Vulnerable, Endangered, Critically Endangered. Jährlich aktualisiert.

🔗 https://www.iucnredlist.org/

Wiens & Saban (Trends in Ecology & Evolution, 2025): Questioning the sixth mass extinction

Wichtige Gegenposition. 12–40% Artenverlust wahrscheinlich – immer noch katastrophal. Keine 75%-Schwelle erreicht. Methodische Präzision. Autoren selbst: "Earth is on the brink."

🔗 https://www.wienslab.com/Publications_files/Wiens_Saban_TREE_2025.pdf

Hallmann et al. (PLOS ONE 2017): More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas

Ikonischste Insekten-Studie. Schutzgebiete ohne Schutz vor Artensterben. Deutschland als Fallbeispiel. Pestizide + Klimawandel als Treiber.

🔗 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

Urban (Science, 2015): Accelerating extinction risk from climate change

1 von 6 Arten unter Business-as-usual. Polarregionen + Australien + Neuseeland am stärksten. Klimawandel als zunehmend dominanter Treiber.

🔗 https://www.science.org/doi/10.1126/science.aaa4984

IPCC SR1.5 Kapitel 3: Impacts on natural systems

1,5°C vs. 2°C: Insekten, Pflanzen, Wirbeltiere Habitatverlust. 99% Korallenriffe verlieren Habitateignung bei 2°C.

🔗 https://www.ipcc.ch/sr15/chapter/chapter-3/

LSE (2025): Facing the Global Biodiversity Crises and Sixth Mass Extinction – Public Perceptions

Globale Umfragestudie. Niedrige Bekanntheit des Begriffs. Hohe Akzeptanz wenn erklärt. Brasilianien/Indien/Südafrika stärkste Unterstützung für Wandel.

🔗 https://www.lse.ac.uk/pbs/assets/documents/facing-the-global-biodiversity-crises-and-sixth-mass-extinction.pdf

CBD/COP16 (Cali, Oktober 2024)

Cali-Fonds für Biodiversität. 30x30-Ziel (30% Land + Meer unter Schutz bis 2030). Globaler Biodiversitätsrahmen-Umsetzungsbilanz.

🔗 https://www.cbd.int/conferences/2024

Our World in Data: Extinctions (2024)

Historische Aussterberaten. IUCN-Datenbasis. Visualisierungen nach Taxonomiegruppe. Hintergrundrate erklärt.

🔗 https://ourworldindata.org/extinctions


Quellen recherchiert und verifiziert: März 2026

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Multidimensionale Ursachen für Ernteausfälle

Des sauren Regens zweiter Frühling

Die Große Anpassung