🔬 Jacobson #35 – Zusammenbruch des AMOC/SMOC
Das Argument in einem Satz
Der AMOC transportiert Wärme in Höhe eines Petawatts durch den Atlantik – 50-mal der Gesamtenergieverbrauch der Menschheit. Sein Zusammenbruch würde Europa um 4–10°C abkühlen, tropische Regenzonen verschieben, den Amazonas austrocknen und den Meeresspiegel an der Nordostküste der USA um bis zu einem Meter zusätzlich erhöhen. 44 der führenden Ozeanwissenschaftler der Welt haben im Oktober 2024 in einem offenen Brief erklärt: Das Risiko ist größer und kommt früher als bisher angenommen. Und Stefan Rahmstorf (PIK) formuliert die eigentliche Aussage: Es geht nicht darum, 100% sicher zu sein, dass es passiert – sondern 100% sicher zu sein, dass es nicht passiert. Diese Sicherheit haben wir nicht.
Status laut Top-40-Check
🟠 Wissenschaftlich hochkontrovers / ernsthaft besorgniserregend – Dies ist der Jacobson-Punkt mit dem reichsten und produktivsten wissenschaftlichen Dissens in der gesamten Top-40-Liste. Auf der einen Seite: Van Westen et al. (Science Advances 2024), PIK/Drijfhout et al. (ERL August 2025), 44-Wissenschaftler-Offener-Brief (Oktober 2024). Auf der anderen Seite: Nature (April 2025, 34 Modelle: resilient), WHOI/Terhaar (Januar 2025: kein Rückgang 1963–2017). IPCC AR6: „medium confidence“ dass kein abrupter Kollaps vor 2100. Das ist kein Zeichen von Unsicherheit – das ist ein Zeichen, dass wir das größte Klimarisiko der Erde noch nicht verstehen.
Die Zahlen, die man kennen muss
Was der AMOC ist und tut:
- Transportiert Wärme im Wert von 1 Petawatt (10¹⁵ Watt) – 50x der globale menschliche Energieverbrauch; 3,5x die Rate der globalen Ozeanwärmeaufnahme durch den Klimawandel
- Verteilt Wärme vom Äquator nach Nordeuropa, hält Europa um ~3°C (küstennahe Regionen bis 5°C) wärmer als es ohne AMOC wäre
- Beeinflusst Monsunmuster in Indien und Afrika, tropische Niederschlagszonen, Meeresspiegeldifferenzen
- Derzeitige Stärke: ca. 17 Sverdrup (17 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde) – gemessen bei 26°N (RAPID-Array seit 2004)
- Ca. 40% schwächer als zur Mitte des 20. Jahrhunderts – Proxy-Daten (umstritten, s.u.)
- Schwächste Periode in mehr als einem Jahrtausend – Paleo-Proxy-Daten (Caesar et al. 2018)
Konsequenzen eines Zusammenbruchs:
- Europa: Temperaturabfall von 4–10°C regional – besonders Skandinavien, UK, Irland, Island
- Sommeränderungen in Nordwesteuropa: Trockener. Winterextreme: Schlimmer
- Tropische Niederschlagszonen: Verschiebung südwärts – Sahelzone würde trockener; Amazonas könnte austrocknen (Kipppunkt-Kaskadenrisiko)
- Nordostküste USA: bis zu 1 Meter zusätzlicher Meeresspiegelanstieg (regionale Konsequenz der AMOC-Schwächung, bereits messbar)
- Grossbritannien Landwirtschaft: Fläche für Ackerbau von 32% auf 7% – netto landwirtschaftlicher Wert −10%
- AMOC-Kollaps würde globale Durchschnittstemperatur um 0,5°C senken – aber regionale Auswirkungen kämen einer Katastrophe gleich
Zeitrahmen – der Dissens (Stand März 2026):
Frühere Warnung:
- Ditlevsen & Ditlevsen (Nature Comm. 2023): Statistisches Modell; Kollaps 2025–2095, wahrscheinlichster Zeitpunkt 2057; von vielen Wissenschaftlern kritisiert wegen Proxy-Datenproblemen
- Van Westen et al. (Science Advances 2024): Physikbasiertes Frühwarnsignal (FovS); AMOC „on tipping course“; erste Tipping-Demonstration in hochauflösendem Modell
- Van Westen et al. (JGR Oceans 2025): 25 Modelle; AMOC könnte Beginn des Kollaps bis 2063 (Spanne 2026–2095) zeigen
- PIK/Drijfhout et al. (ERL August 2025): CMIP6-Modelle; AMOC-Shutdown nach 2100 möglich – aber Tipping-Point in Labradorsee „in den nächsten Jahrzehnten“ bereits absehbar; Standard-Modelle berücksichtigen kein Grönland-Süßwasser – unterschätzen Risiko
- RealClimate/Rahmstorf (Oktober 2025): Hochauflösendes Modell bestätigt Tipping-Point; Risiko wurde in den letzten Jahren neu eingeschätzt
- 44 Wissenschaftler, Offener Brief (Oktober 2024): IPCC-Risikoabschätzung „vast underestimate“; Kollaps ‚sooner and with greater impact than previously estimated‛
Skeptischere Position:
- WHOI/Terhaar et al. (Nature Comm. Januar 2025): Neue Luftwärmefluss-Daten; „AMOC hat zwischen 1963–2017 nicht abgenommen"; „stabiler als erwartet“; „Zeit, noch zu handeln“
- Nature (April 2025, Jackson et al.): 34 Modelle; Aufwärtsbewegung im Südlichen Ozean stabilisiert AMOC; vollständiger Kollaps „unlikely“ in diesem Jahrhundert
- IPCC AR6: „medium confidence“, kein abrupter Kollaps vor 2100; „high confidence“ für Abschwächung von 30–45%
- SMC-Experten zu Ditlevsen 2023: Proxy-Datenmethode insuffizient für zuverlässige Zeitaussagen
- ⚠️ Kommunikationshinweis – Der produktivste Dissens der gesamten Reihe: Dieser wissenschaftliche Dissens ist nicht Unkenntnis – er ist die präzise Begrenzung des aktuellen Wissenstandes. Die Faktenlage: (1) Der AMOC hat sich nachweislich abgeschwächt (RAPID-Daten 2004–2023; Paleo-Proxies). (2) Ein Kipppunkt existiert in allen Modellen. (3) Der genaue Zeitrahmen ist umstritten. (4) Das Risiko wurde in den letzten Jahren nach oben neu bewertet. (5) sogenannter "Cold Blob" im Nordatlantik – eine Region, die sich entgegen dem globalen Trend abkühlt. Ein sichtbares Zeichen, dass die "Salzpumpe" bereits stottert. Das ist die Message: Nicht „Der AMOC kollabiert 2057“ – sondern „Wir wissen nicht, ob er kollabiert. Und diese Unsicherheit selbst ist das Problem. Rahmstorf formuliert es so: "It is not about being 100% sure it happens – it’s about being 100% sure it doesn’t. This certainty we don’t have.”
Drei Mechanismen
1. Die Salzfeedback-Falle: Warum der AMOC kollabieren kann
Der AMOC funktioniert, weil Wasser im Nordatlantik durch Abkühlung so dicht wird, dass es sinkt. Temperatur und Salzgehalt sind die beiden Träger dieser Dichte. Temperatur hat einen stabilisierenden Effekt (kälteres Wasser sinkt). Salzgehalt hat einen destabilisierenden: Der AMOC transportiert salzreiches Wasser nach Norden. Aber wenn dieser Transport schwächer wird, kommt weniger Salz nach Norden – das Wasser wird leichter, sinkt weniger gut, schwächt den AMOC weiter. Das ist der selbstverstärkende Rrückkopplungsloop, 1961 erstmals von Henry Stommel in einem einfachen Boxmodell beschrieben. Van Westen 2024 hat jetzt gezeigt: Er existiert auch im komplexesten hochauflösenden Ozeanmodell der Welt. Das beseitigt die Hoffnung, dass er ein Artefakt einfacher Modelle ist. Erste Auswirkungen sind bereits sichtbar. Man sieht im Nordatlantik bereits heute den sogenannten "Cold Blob" – eine Region, die sich entgegen dem globalen Trend abkühlt. Das ist kein Zufall, sondern das sichtbare Zeichen, dass die "Salzpumpe" bereits stottert. Das Schmelzwasser aus Grönland liegt wie eine Schicht leichtes Öl auf dem schweren Salzwasser und verhindert das Absinken.
2. Das Grönland-Süßwasser-Problem: Die fehlende Variable
Die meisten CMIP6-Modelle, auf die IPCC sich stützt, berücksichtigen das Süßwasser nicht vollständig, das Grönland beim Schmelzen in den Nordatlantik ergießt. Dieses Süßwasser ist leichter als Salzwasser – es hält Oberflächenwasser davon ab zu sinken, schwächt die Tiefenwasserbildung und damit den AMOC. PIK/Drijfhout (August 2025): Einbeziehung von Grönland-Süßwasser „push the system even further“. Das ist keine Spekulation. Das ist ein identifizierter systematischer Fehler in den Standardmodellen. Das bedeutet: Die IPCC-Einschätzung „medium confidence“ für keinen Kollaps vor 2100 ist wahrscheinlich zu optimistisch.
3. Die Labradorsee: Der Kanarienvogel in der Kohlemine
Die Tiefenwasserbildung im nordatlantischen Raum – besonders in der Labradorsee, dem Irmingersee und den Nordischen Meeren – ist der Motor des AMOC. PIK-Studien (August 2025) zeigen: Dieser Motor zeigt „in den letzten 5 bis 10 Jahren bereits einen Abwärtstrend“. Drijfhout: „It could be variability, but it is consistent with the models' projections.” Das ist der Satz, auf den man achten muss: nicht „es kollabiert“, sondern „es ist konsistent mit dem, was die Modelle als Vorbereitungsphase für einen Kollaps zeigen“.
Synthesis-Querverbindungen
- Conservative Bias: IPCC-Modelle berücksichtigen Grönland-Süßwasser unvollständig. Rahmstorf, van Westen und die 44-Wissenschaftler-Gruppe sind einig: Standardmodelle überschätzen die AMOC-Stabilität. Der Conservative Bias sitzt hier im Modell – nicht in der Kommunikation. Die „medium confidence“-Einschätzung des IPCC ist nach aktueller Forschung wahrscheinlich zu optimistisch.
- Niemand addiert zusammen: AMOC-Schwächung (#35) + Grönlandeisverlust (#24, Haupttreiber des Süßwasser-Problems) + Meeresspiegel (#34, US-Ostküste +1m durch AMOC-Veränderung) + Polarvortex-Destabilisierung (#15, AMOC beeinflusst atmosphärische Zirkulation) + Regenwaldkipppunkt Amazonas (durch AMOC-Kollaps induziert) + Monsunverschiebung (#22 → Nahrung). Kein Bericht kommuniziert diese Kaskade als Einheit.
- Kaskadeneffekte: AMOC-Kollaps → Europa 4–10°C kälter → Landwirtschaft in UK/Nordeuropa kollabiert → Nahrungsunsicherheit (#22) + gleichzeitig tropische Niederschlagszonen verschieben sich → Sahel trockener → Amazonas trocknet aus (Kipppunkt) → CO₂-Freisetzung → mehr Erwärmung → mehr AMOC-Schwächung. Das ist die ultimative Klimakaskade – ein AMOC-Zusammenbruch könnte mehrere weitere Kipppunkte aktivieren.
- Sichtbarkeitsverzerrung: Der AMOC ist buchstäblich unsichtbar. Ozeanströmungen haben kein Bild, kein Datum, keinen Ort. Die RAPID-Daten – der einzige direkte Messwert – existieren erst seit 2004, zu kurz für statistisch signifikante Trendaussagen. Der Dissens in der Wissenschaft selbst ist schwer zu kommunizieren. Das Resultat: Das möglicherweise folgenreichste Klimarisiko der Erde ist gleichzeitig das am schlechtesten bekannte in der Öffentlichkeit.
Verifizierte Quellen mit Links
Van Westen et al. (Science Advances, 2024): Physics-based early warning signal shows AMOC is on tipping course
Schlüsselreferenz. FovS-Signal. Hochauflösendes Ozeanmodell bestätigt Tipping-Punkt. „Reanalysis products indicate present-day AMOC is on route to tipping.”
🔗 https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.adk1189
Van Westen et al. (JGR Oceans, August 2025): Physics-based indicators for the onset of AMOC collapse
25 Modelle. Kollaps-Beginn bis 2063 (Spanne 2026–2095). Oberflächenauftriebsfluss als Indikator. CESM-Simulationen.
🔗 https://agupubs.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1029/2025JC022651
Drijfhout, Rahmstorf et al. / PIK (Environmental Research Letters, August 2025): Shutdown of northern Atlantic overturning after 2100 following deep mixing collapse in CMIP6
CMIP6-Analyse. Tipping-Punkt in Labradorsee „in den nächsten Jahrzehnten“. Grönland-Süßwasser nicht berücksichtigt (unterschätzt Risiko). Wetter-Stochastizität. PIK-Pressemitteilung verfügbar.
🔗 https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/adfa3b
44 Klimawissenschaftler: Offener Brief zur AMOC-Gefährdung (Oktober 2024)
Vorgestellt beim Arctic Circle Conference in Island. IPCC-Risikoabschätzung „vast underestimate“. „Devastating and irreversible climate impacts.” Rahmstorf, Lenton, Caesar u.a.
🔗 https://www.oceanographic.co.uk/news/scientists-warn-amoc-tipping-point/
RealClimate / Stefan Rahmstorf: High-resolution fingerprint images reveal AMOC weakening (November 2025)
Aktuellste Rahmstorf-Analyse. Van Westen 2025 bestätigt Tipping-Punkt. Terhaar-Kontroverze eingeordnet. RAPID-Daten-Zeitreihe. Policy-Empfehlung: 1,5°C-Ziel.
Jackson et al. (Nature, April 2025): Continued Atlantic overturning circulation even under climate extremes
Gegenperspektive. 34 Modelle. Südlicher Ozean stabilisiert AMOC. Vollständiger Kollaps „unlikely“ dieses Jahrhundert. „Resilienter als bisher gedacht“. ABER: Unter extremen Szenarien (>4°C) erhöht sich Kollapsrisiko dramatisch.
🔗 https://www.nature.com/articles/s41586-024-08544-0
Foukal, Terhaar, Vogt / WHOI (Nature Comm. Januar 2025): AMOC has not declined 1963–2017
Neue Luftwärmefluss-Methode. „Stabiler als erwartet.” „Das sagt nichts über die Zukunft aus.” Wichtig für ausgewogene Darstellung.
🔗 https://www.whoi.edu/press-room/news-release/no-amoc-decline/
Ditlevsen & Ditlevsen (Nature Comm. 2023): Warning of a forthcoming collapse of the AMOC
Das Paper, das die Debatte ausgelöst hat. Statistisches Proxy-Modell. 2025–2095-Zeitfenster, wahrscheinlichster Zeitpunkt 2057. Häufig kritisiert wegen Proxy-Datenproblemen.
🔗 https://www.nature.com/articles/s41467-023-39810-w
Rahmstorf: Risk of Reaching an AMOC Tipping Point (Berkeley Law/Delta Council 2024)
Umfassende Essay-Version. 1-Petawatt-Zahl. Grossbritannien Landwirtschaft. Salzfeedback. Stommel-Originalmodell. Probabilistische Risikorahmung. Beste Gesamtquelle.
🔗 https://deltacouncil.ca.gov/pdf/isb/public-comments/2024-04-30-isb-public-comment-water-research.pdf
Wikipedia: AMOC (aktuell 2026)
Gute Gesamtdarstellung. Alle wichtigen Studien. Dissens-Übersicht. 44-Wissenschaftler-Brief. WHOI-Kontroverze. Konsequenzen-Überblick.
🔗 https://en.wikipedia.org/wiki/Atlantic_meridional_overturning_circulation
Quellen recherchiert und verifiziert: März 2026
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