🔬 Jacobson #16 – Finanzmarkt- & Bankencrash

 

Das Argument in einem Satz

Das globale Finanzsystem sitzt auf einer Kohlenstoffblase von bis zu 20 Billionen Dollar – fossile Reserven, die im Markt als verwertbar eingepreist sind, aber fĂĽr ein 1,5°C-Ziel zu 80% im Boden bleiben mĂĽssen. Wenn diese Blase platzt – geordnet oder plötzlich – drohen Verluste, die das Finanzsystem destabilisieren könnten. Gleichzeitig zieht sich die Versicherungswirtschaft aus Hochrisikogebieten zurĂĽck, und die US-Notenbank hat im Januar 2025 das wichtigste globale Klimarisiko-Netzwerk der Zentralbanken verlassen. Die Systemrisiken wachsen. Die Aufsicht schrumpft.

Status laut Top-40-Check

đźź  Eskalierend / systemisch unterschätzt – Kein einzelnes Crashereignis, aber eine Verdichtung von Risikofaktoren: wachsende physische Schäden (LA Wildfeuerschäden 2025: 95–164 Mrd. USD), Versicherungsmarkt-Erosion, Carbon Bubble ohne Preiskorrektursignal, und gleichzeitiger RĂĽckzug der wichtigsten Regulierungsbehörden (Fed, OCC, FDIC) aus dem NGFS-Netzwerk.


Die Zahlen, die man kennen muss

Die Kohlenstoffblase (Carbon Bubble):

  • Marktbewertung aller fossilen Reserven heute: ca. 20 Billionen USD – eingepreist als wĂĽrden sie vollständig verbrannt (World Bank Carbon Bubbles)
  • FĂĽr 1,5°C-Ziel: 80% der Kohlereserven und 60% der Ă–l-/Gasreserven mĂĽssen ungenutzt bleiben (McGlade & Ekins, Nature 2015)
  • Geschätzte Stranded Assets im Ă–l-/Gas-Upstream: ĂĽber 1,4 Billionen USD (Semieniuk et al., Nature Climate Change 2022)
  • Bloomberg/UKSIF-Analyse (März 2025): 2,3 Billionen USD potenziell stranded in Ă–l, Gas und Kohle bis Ende der 2030er
  • Delaying-Rechnung (Exeter, ScienceDaily 2024): Switchwechsel 2020 → 117 Billionen USD Kapital at risk. Delay bis 2030 → 557 Billionen USD (37% des globalen Kapitalstocks)
  • Pensionsfonds in OECD-Ländern: Tragen ĂĽber 15% des globalen Stranded-Asset-Risikos – ĂĽberwiegend in UK und USA

Physische Klimaschäden (akut):

  • LA-Wildfeuer 2025: 95–164 Mrd. USD Sach- und Kapitalverluste; 75 Mrd. USD versicherte Schäden (Höchststand USA)
  • Hurrikan Helene 2024: 79 Mrd. USD Gesamtschaden
  • Hurrikan Milton 2024: 34 Mrd. USD Gesamtschaden
  • Globale Extremwetterverluste 2010–2019: fast 1,5 Billionen USD (WMO 2023)
  • Bankensektor: Steigende Non-Performing Loans (NPL), sinkende Sicherheitenwerte, Liquiditätsdruck durch klimaexponierte Kreditportfolios (ScienceDirect 2025)

Versicherungsmarkt-Erosion:

  • State Farm, Allstate, Farmers: Haben Florida, Kalifornien und Louisiana teilweise oder vollständig verlassen
  • Florida: Bevölkerung zunehmend ohne private Versicherung – staatlicher Notfonds "Citizens" deckt ĂĽber 1 Mio. Policen, gilt als systemisch unterfinanziert
  • Immobilienwerte: Klimarisiken zunehmend in Preisen reflektiert – aber ungleichmäßig, was Marktverzerrungen erzeugt
  • NGFS-Szenarien: Ungeordnete Transition ("disorderly") wäre finanziell deutlich teurer als geordnete

Regulierungslandschaft 2025:

  • Januar 2025: US-Federal Reserve verlässt NGFS (Network for Greening the Financial System) – nach OCC und FDIC
  • NGFS wurde 2017 von 8 Zentralbanken gegrĂĽndet, hat heute ĂĽber 130 Mitglieder – die USA steigen aus
  • US-Bankaufsichtsbehörden haben interagency climate guidance zurĂĽckgezogen
  • Paradox: Physische Klimarisiken fĂĽr den Finanzsektor wachsen schnell – die Regulierung schrumpft
  • Harvard BiGS-Studie (Nature Energy, Februar 2025): Zentralbankklimapolitik wird mehr von politischen Faktoren bestimmt als vom tatschächlichen Risikoniveau
  • ⚠️ Kommunikationshinweis: Der Klimafinanzcrash ist kein einzelnes Ereignis – er ist ein Prozess. Drei mögliche Pfade: (1) Geordnete Transition: Fossile Assets verlieren schrittweise an Wert, Wirtschaft passt sich an. (2) Ungeordnete Transition: Plötzliche Politikschocks oder TechnologiebrĂĽche lösen abrupte Neubewertungen aus – Kreditausfallwelle, Liquiditätskrise. (3) Physische Eskalation: Extremereignisse und Versicherungsausfälle destabilisieren Immobilien- und Bankensysteme regional. Die meisten Szenarien kombinieren alle drei. Der Blog-Post arbeitet mit dieser Dreier-Logik.

Drei Mechanismen

1. Die Kohlenstoffblase: 20 Billionen Dollar eingepreist, 80% unverbrennbar

Das Finanzproblem des Klimawandels beginnt mit einer schlichten Unmöglichkeit: Die Welt hat fossile Reserven im Wert von ~20 Billionen USD in die Börse eingepreist. Diese Bewertung basiert auf der Annahme, dass diese Reserven irgendwann verbrannt werden. Aber fĂĽr das 1,5°C-Ziel dĂĽrfen 80% der Kohle und 60% des Ă–ls und Gases nicht mehr verbrannt werden. Was bedeutet das fĂĽr die Bewertung? Nichts – noch nicht. Der Markt hat dieses Risiko nicht eingepreist. Das ist die Definition einer Blase.

Mark Carney, damals Bank-of-England-Gouverneur, nannte es 2015 die "Tragedy of the Horizon": Das Klimarisiko liegt auĂźerhalb der Zeithorizonte, auf die Finanzmärkte reagieren. Der Markt sieht das Risiko – aber nicht heute. Und bis "heute" zurĂĽckkommt, ist das Kapital bereits falsch alloziert.

2. Die Versicherungslawine: Wenn der letzte Risikopuffer wegbricht

Versicherungen sind der letzte private Klimapuffer: Wenn ein Haus abbrennt, ein Sturm ein Dach abdeckt, eine Ăśberschwemmung einen Keller flutet – die Versicherung fängt auf. Dieser Puffer zieht sich jetzt zurĂĽck.

State Farm, Allstate, Farmers – die größten US-Versicherer – haben Florida und Kalifornien teilweise verlassen. Nicht weil die Kunden kreditunwĂĽrdig sind, sondern weil die Risiken nicht mehr kalkulierbar oder profitabel versicherbar sind. Das Ergebnis: Millionen Menschen ohne Versicherung in Hochrisikogebieten. Staatliche Notfonds („Citizens“ in Florida) als Ăśberrest. Immobilienwerte, die auf unversicherten Risiken basieren – eine unsichtbare Preisverzerrung in einem Markt, der die halbe Kreditwirtschaft als Sicherheit nutzt.

3. Der Regulierungsrückzug: Die Aufsicht verschwindet, wenn das Risiko wächst

Das Paradox des Jahres 2025: Klimaphysische Schäden fĂĽr den Finanzsektor wachsen schneller als je zuvor. Gleichzeitig ziehen sich die US-Bundesbankaufsichtsbehörden (Fed, OCC, FDIC) aus dem einzigen internationalen Netzwerk zurĂĽck, das Klimarisiken in die Bankaufsicht integriert hatte – dem NGFS.

Eine Harvard-Studie (Nature Energy, Februar 2025) zeigt, dass Zentralbanken in 47 Ländern nicht nach tatsächlichem Risikoniveau handeln, sondern nach politischem Druck. Die USA sind das extremste Beispiel dieser Logik: Das größte Finanzsystem der Welt, mit den größten Stranded-Asset-Risiken, mit dem aktivsten Extremwetter-Schadensmarkt – verlässt das Klimarisikonetz.


Synthesis-Querverbindungen

  • Conservative Bias: Stranded-Asset-Zahlen (1,4 bis 2,3 Billionen) erfassen nur den Ă–l-/Gas-Upstream-Sektor. Kohle, fossile Infrastruktur (Pipelines, Raffinerien, Kraftwerke), kohlenstoffintensive Industrien und Immobilien in Hochrisikolagen sind nicht eingerechnet. Die reale Zahl ist ein Vielfaches. Die Exeter-Studie (557 Billionen bei spätem Switch) ist keine Prognose, sondern eine Obergrenze-Rechnung – aber sie zeigt die Größenordnung der Frage.
  • Niemand addiert zusammen: Stranded Assets + Versicherungsmarktversagen + steigende physische Schadenskosten + Immobilienmarktverzerrung + NPL-Anstieg bei Banken + staatliche Notfallfonds als letzter Puffer. Das sind fĂĽnf getrennte Finanzrisiken, die alle gleichzeitig wachsen, in keinem einzigen Bericht als Gesamtsystem betrachtet.
  • Kaskadeneffekte: Extremwetterereignis → Versicherungsausfall → unversicherte Verluste → Immobilienwertverfall → Bankkredit-Sicherheiten verlieren Wert → NPL-Anstieg → Liquiditätsdruck bei Banken → Kreditklemme → weniger Investitionen → wirtschaftlicher Abschwung. Diese Kaskade ist in der Florida-Versicherungskrise seit 2022 bereits in Zeitlupe zu sehen.
  • Sichtbarkeitsverzerrung: Der Klimafinanzcrash hat kein Datum. Kein Bild. Keine Deadline. Er ist nicht in einem Jahresbericht vermerkt, nicht in einer Schlagzeile zitierbar. Banken melden Klimarisiken in FuĂźnoten ihrer Risikoberichte. Zentralbanken haben ihn mit Stresstest-Ăśbungen als "Extremszenario" kategorisiert. Das ist genau die Logik, die Mark Carney 2015 als "Tragedy of the Horizon" bezeichnet hat. Sie gilt 2025 noch genauso.

Verifizierte Quellen mit Links

Mark Carney: Breaking the Tragedy of the Horizon (Bank of England, 2015)

Das Grundsatzpaper. Stranded Assets, Carbon Budget, Horizont-Problem. Der Ursprung der gesamten Debatte.

đź”— https://www.bankofengland.co.uk/speech/2015/breaking-the-tragedy-of-the-horizon-climate-change-and-financial-stability

Semieniuk et al. (Nature Climate Change, 2022): Stranded fossil-fuel assets translate to major losses

Leitpaper. >1 Billion USD Stranded Assets Öl/Gas. Eigentümerstruktur: überwiegend Privatinvestoren und Pensionsfonds in OECD. 15% Risikoexport in reichere Länder.

đź”— https://www.nature.com/articles/s41558-022-01356-y

Bloomberg / UKSIF (März 2025): Investors Risk $2.3 Trillion of Stranded Fossil Fuel Assets

Aktuellste Zahl. 2,3 Billionen USD at risk bis Ende der 2030er. Öl, Gas, Kohle. Klimapolitik + Technologieshift + Marktveränderungen als Treiber.

đź”— https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-03-06/investors-risk-2-3-trillion-of-stranded-fossil-fuel-assets

LSE Grantham Institute: What are stranded assets? (aktualisiert 2023)

Strukturklärung. 60% Ă–l/Gas + 80% Kohle nicht verbrennbar. Pensionsfonds. Divestment-Bewegung. Nicht nur fossile Industrie betroffen – auch Gebäude, Infrastruktur, Luftfahrt.

đź”— https://www.lse.ac.uk/granthaminstitute/explainers/what-are-stranded-assets/

World Bank: Carbon Bubbles & Stranded Assets

20 Billionen USD fossile Reserven eingepreist. Carbon Bubble-Definition. Fossile Subventionen 1,9 Billionen (inkl. externe Kosten). Pfad zur Ordnung.

đź”— https://blogs.worldbank.org/en/climatechange/carbon-bubbles-stranded-assets

Chester et al. (Exeter / ScienceDaily, September 2024): Vast stranded assets if world continues investing in polluting industries

117 Billionen (Switch 2020) vs. 557 Billionen (Switch 2030) Kapital at risk. Größenordnungsrechnung. Geordnet vs. ungeordnet.

đź”— https://www.sciencedaily.com/releases/2024/09/240930122934.htm

Resources for the Future (Dezember 2025): The Evolving View of Climate-Related Financial Risks in the US

Physische vs. Transitionsrisiken. LA Wildfire 2025: 76–131 Mrd. USD. Helene + Milton. Fed-RĂĽckzug. US-Finanzsektor zieht sich gleichzeitig aus Klimarisikoarbeit zurĂĽck.

đź”— https://www.resources.org/common-resources/the-evolving-view-of-climate-related-financial-risks-in-the-us-financial-sector/

Harvard BiGS / Nature Energy (Februar 2025): How central banks manage climate and energy transition risks

47 Länder. Politischer Druck > tatsächliches Risikoniveau als Treiber von Zentralbankhandeln. USA als Extremfall.

đź”— https://www.hbs.edu/bigs/harvard-meckling-study-central-bank-climate-action

IMF Speech (Dezember 2023): Climate Risks and Financial Stability

Stresstest-Frameworks. Physische + Transitionsrisiken. IMF-Empfehlungen fĂĽr Zentralbanken.

đź”— https://www.imf.org/en/News/Articles/2023/12/12/sp-climate-risks-financial-stability-what-can-central-banks-and-financial-sector-supervisors-do

Green Central Banking: Will climate risk trigger the next great financial crisis? (2024)

Ceres/Bateson-Analyse. Bankensektor-Vorbereitung ungenügend. Systemisches Risiko als Hauptthema.

đź”— https://greencentralbanking.com/2024/03/28/will-climate-risk-trigger-the-next-great-financial-crisis/

ScienceDirect (Juni 2025): Climate risks and financial stability – evidence on the effectiveness of climate-related financial policies

NPL-Anstieg durch physische Risiken. Sicherheitenwerte sinken. Liquiditätsdruck bei Banken. Empirische Evidenz aus 47 Ländern.

đź”— https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1057521925003916


Quellen recherchiert und verifiziert: März 2026

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