🔬 Jacobson #03 – Verlust der Artenvielfalt
Das Argument in einem Satz
73 % aller überwachten Wildtierpopulationen sind seit 1970 zusammengebrochen. Die Aussterbegeschwindigkeit ist 100- bis 1.000-mal höher als der natürliche Hintergrundwert. Das ist kein Trend. Das ist aktive Vernichtung.
Status laut Top-40-Check
🔴 Läuft / aktiv eskalierend – kein Plateau, keine Trendumkehr. Jeder Indikator zeigt in dieselbe Richtung. Kein einziger zeigt weltweit ein Wachstum.
Die Zahlen, die man kennen muss
WWF Living Planet Index 2024 (Basisreferenz):
- 73 % Rückgang aller überwachten Wildtierpopulationen seit 1970 (gemessen, nicht modelliert)
- Datenbasis: 34.836 Populationstrends, 5.495 Arten
- Süßwasserpopulationen: −85 %
- Terrestrisch: −69 %
- Marin: −56 %
- Lateinamerika & Karibik: −95 %
- Afrika: −76 %
- Asien & Pazifik: −60 %
IPBES Global Assessment 2019:
- ~1 Million Tier- und Pflanzenarten akut vom Aussterben bedroht
- Aktuelle Aussterbegeschwindigkeit: mindestens 10- bis 100-fach über dem natürlichen Hintergrundwert
- 75 % der Landoberfläche erheblich durch Menschen verändert
- 66 % der Meeresfläche erheblich verändert
Insekten (Hallmann et al., 2017 / Krefeld-Studie):
- 76 % Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse in deutschen Schutzgebieten (1989–2016)
- 82 % Rückgang im Hochsommer
- Unabhängig vom Habitattyp – auch in Naturschutzgebieten
- Update Nature 2024 (Müller et al.): Wetterextreme durch Klimawandel sind Haupttreiber; dramatischer Einbruch 2005, seitdem keine Erholung
Der wissenschaftliche Dissens
Wiens & Saban (2025) in Trends in Ecology & Evolution stellen die Formulierung "sechstes Massenaussterben" in Frage. Ihr Argument: Die geologische Schwelle (75 % Artenverlust über alle Gruppen) ist noch nicht erreicht; aktuelle Projektionen deuten eher auf 12–40 % Artenverluste hin – katastrophal, aber kein Massenaussterben im klassischen Sinne.
Wiens & Saban schreiben allerdings ebenfalls: "We are convinced that Earth is on the brink of major biodiversity loss." Ihr Einwand betrifft die Terminologie, nicht die Tatsache. 12–40 % Artverlust bis 2070 wäre nach ihrer eigenen Darstellung "catastrophic" – nur eben kein Massenaussterben nach geologischer Definition.
Das ist Synthesis-Logik in Reinform: Conservative Bias funktioniert hier auf terminologischer Ebene. Die Debatte, ob wir ein "echtes" Massenaussterben erleben, lenkt von der Frage ab, ob wir uns das leisten können. Die Antwort auf diese Frage lautet in beiden Fällen: Nein.
Fünf Treiber (Reihenfolge nach IPBES)
- Landnutzungsänderung – Habitat-Zerstörung und Fragmentierung (dominanter Treiber terrestrisch)
- Direkte Ausbeutung – Überfischung, Jagd, Holzeinschlag, Wildtierhandel (dominanter Treiber marin)
- Klimawandel – wachsend, aktuell noch Platz 3, bis 2050 voraussichtlich Platz 1
- Verschmutzung – Pestizide, Stickstoff, Plastik, Industriechemikalien
- Invasive Arten – in 60 % aller dokumentierten Aussterben beteiligt
Wichtig: Diese Treiber interagieren. Klimawandel verschärft Habitatverlust. Stickstoffeinträge vereinfachen Ökosysteme und machen sie anfälliger für Invasoren. Niemand addiert das zusammen. (Synthesis, Kapitel Biosphäre.)
Synthesis-Querverbindungen
Die Synthesis behandelt Artenvielfalt im Biosphären-Kapitel mit besonderer Schärfe:
- "Keine Art wächst global" – Das ist der Satz aus der Synthesis. Kein einziger Indikator zeigt weltweit ein Wachstum für irgendeine Art oder Gruppe. Das ist der Unterschied zwischen Einzelstudien und Systembetrachtung.
- Bienen sterben auch in isolierten Kolonien – d.h. der Treiber ist nicht nur Pestizide oder Habitat. Es gibt einen systemischen, bisher nicht vollständig identifizierten Stressor. Mikroplastik? Elektromagnetische Felder? Kumulierte Chemikalien? Unbekannt.
- Conservative Bias: Populationsrückgänge werden als frühzeitige Warnsignale für Aussterberisiken gemessen – aber die "Extinction Debt" (Aussterbe-Schulden: Arten, die überleben, aber genetisch zu klein sind für langfristiges Bestehen) wird systematisch unterschätzt.
- Kaskadeneffekte: Verlust großer frugivorer Tiere (Tapire, Tukane) in tropischen Wäldern → weniger Samenausbreitung → weniger kohlenstoffreiche Bäume → weniger CO₂-Bindung. Biodiversitätsverlust und Klimawandel sind keine getrennten Probleme.
Verifizierte Quellen mit Links
Primär & peer-reviewed
WWF Living Planet Report 2024
73 % Populationsrückgang seit 1970. 34.836 Populationstrends. Regional- und Habitataufschlüsselung. Kaskadeneffekte. Kipppunkte.
🔗 https://www.wwf.org.uk/sites/default/files/2024-10/living-planet-report-2024.pdf
IPBES Global Assessment 2019 (offizielle Zusammenfassung)
1 Million Arten bedroht. Fünf Haupttreiber. 15.000 wissenschaftliche Studien. Bewertung der Ecosystem Services.
🔗 https://ipbes.net/node/35234
Hallmann et al. (2017): >75 % Rückgang der fliegenden Insektenbiomasse – PLOS ONE
Die Krefeld-Studie. 27 Jahre Daten. 63 Schutzgebiete. Saisonal 76 %, im Hochsommer 82 % Biomasseverlust.
🔗 https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809
Müller et al. (2024): Wetter erklärt den Insektenrückgang – Nature
Re-Analyse der Krefeld-Daten. Klimawandel als Haupttreiber über Wetterextreme. Kein Erholungstrend seit dem Einbruch 2005.
🔗 https://www.nature.com/articles/s41586-023-06402-z
Wiens & Saban (2025): Questioning the sixth mass extinction – Trends in Ecology & Evolution
Der wissenschaftliche Dissens: Die Terminologie ist umstritten, die Tatsache des massiven Biodiversitätsverlustes nicht.
🔗 https://www.wienslab.com/Publications_files/Wiens_Saban_TREE_2025.pdf
Finn, Grattarola & Pincheira-Donoso (2023): More losers than winners – Biological Reviews
Untersuchung der Vielfalt von Populationstrends im Anthropozän. Fazit: Deutlich mehr Verlierer als Gewinner.
🔗 https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/brv.12974
Outhwaite, McCann & Newbold (2022): Agriculture and climate change are reshaping insect biodiversity worldwide – Nature
Insektenbiodiversität unter dem kombinierten Druck von Landwirtschaft und Klimawandel. Globale Analyse.
🔗 https://www.nature.com/articles/s41586-022-04644-x
PMC (2024): Insect Decline – Evaluation of Potential Drivers
Analyse von 92 potenziellen Treibern über 33 Jahre Biomassedaten. Fazit: Landschaftsstruktur und Landmanagement sind Schlüsselfaktoren.
🔗 https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11676483/
Erklärstücke & Hintergrund
LSE (2025): Facing the Global Biodiversity Crises and Sixth Mass Extinction
Öffentliche Wahrnehmung in 9 Ländern. Schlüsselbefund: Geringes Bewusstsein für den Begriff, hohe Akzeptanz nach Erklärung. "Extinction" tauchte in der Liste der größten Herausforderungen der Menschheit nur sieben Mal auf.
EVS Institute (2025): The Sixth Mass Extinction – Are We Living Through a Biodiversity Crisis?
Ausgewogene Übersicht inkl. des Dissens.
Our World in Data: Biodiversity
Daten zu Aussterberaten, Rote-Liste-Trends, Habitatverlust. Visualisierungen.
🔗 https://ourworldindata.org/biodiversity
Earth.Org: Sixth Mass Extinction
Aktueller Überblick. Guter Einstieg
🔗 https://earth.org/the-sixth-mass-extinction/
Quellen recherchiert und verifiziert: März 2026
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